Wissen geht UP! #04 - Warum brauchen wir Auen und wofür?

Shownotes

Projekt zu Auen von Dr. Stephanie Natho: https://www.uni-potsdam.de/de/flodemec

Transkript anzeigen

00:00:02: ,600 Wissen geht ab. Neues aus Forschung, Studium und Gesellschaft an der Universität Potsdam. Herzlich willkommen zu "Wissen geht UP!". 2

00:00:09: ,470 Mein Name ist Matthias Zimmermann. Heute geht es um die Frage: Warum brauchen wir Auen? 3

00:00:13: ,730 Und wofür? Um sie zu beantworten, habe ich mir Dr. Stephanie Natho eingeladen. 4

00:00:17: ,330 Sie ist Geoökologin und seit vielen Jahren in Auen unterwegs. Sicher auch privat, aber vor allem - und das ist heute entscheidend - als Forscherin. 5

00:00:24: ,640 Guten Tag, Frau Natho. Schön, dass Sie da sind. Danke schön. Hallo. Sie forschen zu Auen-Landschaften. 6

00:00:29: ,090 Manche haben sicher, wenn Sie das Wort hören, Fragezeichen in den Augen. 7

00:00:33: ,680 Andere denken vielleicht an den "Herrn der Ringe" und sehen Hobbits aus ihren Höhlen treten. Helfen Sie uns auf die Sprünge: 8

00:00:37: ,730 Was sind Auen? 9

00:00:38: ,670 Ganz einfach gesagt, sind das die Überflutungsflächen, die links und rechts vom Fluss liegen und bei Hochwasser überflutet werden können. 10

00:00:44: ,810 Also Überschwemmungsgebiet. Hat also wahrscheinlich jeder schon mal gesehen. 11

00:00:48: ,230 Insofern muss ich nachfragen: Warum sind sie wichtig? Was macht sie wertvoll? 12

00:00:52: ,420 Na ja, das Besondere ist, dass diese Flächen terrestrisch und aquatisch sind. 13

00:00:57: ,770 Also sie haben Lebensräume für Organismen, die im Wasser oder aufs Wasser angewiesen sind, oder eben auch die, die an Land sind. 14

00:01:04: ,430 Und in dem Moment, wo die Überflutung eintritt, vernetzen sich diese Systeme und das bietet die Gelegenheit, 15

00:01:11: ,950 dass Organismen in den anderen Raum wandern können. Und zeitgleich haben wir auch ganz besondere Lebensbedingungen, 16

00:01:16: ,200 nämlich wir brauchen Organismen oder auch Pflanzen, die eben damit umgehen können, dass sie überflutet werden. 17

00:01:22: ,860 Das können nicht besonders viele. Und das heißt, wir haben hier besondere Organismen, wir haben aber auch Nährstoffeinträge. 18

00:01:28: ,010 Wir haben so viel Wasser und in bestimmten Bereichen gibt es dann wieder Organismen, 19

00:01:32: ,310 die gut damit umgehen können - besonders gut wachsen, hoch wachsen. Und wir haben Spezialisten, aber auch Arten dort. 20

00:01:38: ,860 Also wir haben einfach alles dort und also eine ganz hohe Biodiversität. Gibt es denn ganz spezifische Prozesse, mit oder nach denen Auen entstehen? 21

00:01:46: ,660 Wie kommt es dazu, dass irgendwo eine Fläche zur Aue wird? Also prinzipiell müssen wir ganz weit hinten anfangen. 22

00:01:51: ,610 In den Eiszeiten wurde quasi der Grundstein gelegt. Wir hatten die Gletscher, die sich dann, als es wärmer wurde, 23

00:01:56: ,990 zurückzogen und abgeschmolzen und in diesem Augenblick hatten wir sehr viel Wasser zur Verfügung und es bildeten sich die sogenannten Urstromtäler. 24

00:02:03: ,640 Also es war ganz viel Wasser da und dieses Wasser erodierte einfach Untergrund weg. 25

00:02:08: ,900 Und wenn wir jetzt an Geesthänge denken, das gibt es an der Oder, auch an der Elbe, 26

00:02:12: ,300 die sind relativ hoch und dann steht man in einem Tal und sieht auf der anderen Seite die anderen Geesthänge viele Kilometer entfernt. 27

00:02:18: ,590 Das war mal gefüllt mit Wasser. Und dieses Wasser führt aber auch Sedimente mit sich und füllte diese Becken teilweise wieder auf. 28

00:02:25: ,680 Und heute fließen unsere Flüsse in diesem Becken aber mit viel, viel, 29

00:02:28: ,550 viel weniger Wasser und eben in einem Bereich, der durch diese Sedimentation nach der Eiszeit dann wieder entstand. 30

00:02:35: ,580 Und das sind unsere Auen. Aber die Täler können vielfältig sein, Je nachdem, wo wir sind: Sind wir im steilen alpinen Bereich, 31

00:02:41: ,200 dann haben wir solche Täler, oder sind wir eher so im norddeutschen Flachland? 32

00:02:46: ,490 Das sind dann ganz, ganz breit eben diese Urstromtäler und dann ist viel Platz und dann entwickeln 33

00:02:50: ,160 sich die auch noch unterschiedlich und können unterschiedlich breit sein. Das heißt, wir haben also eine ganz lange Entwicklung. 34

00:02:56: ,700 Aber natürlich, Das, was wir jetzt am meisten sehen, ist das, was wir Menschen gemacht haben. 35

00:02:59: ,370 Und wir haben dafür gesorgt, dass die Flüsse stark begradigt wurden. 36

00:03:02: ,170 Und das sehen wir eigentlich viel mehr als das, wie breit ursprünglich so eine Aue eigentlich war, wie breit das Überflutungsgebiet war. 37

00:03:10: ,710 Wenn Sie sagen, Auen sind Überschwemmungsland, dann denke ich: Ah, wenn die Überschwemmung abklingt und es wieder trockener wird, 38

00:03:16: ,240 dann verschwindet doch auch die Aue wieder. Oder ist das ein Irrtum? Na ja, es kommt darauf an, wie Sie das definieren. 39

00:03:21: ,870 Aber im Prinzip ist die Aue ja einfach theoretisch der Überschwemmungsraum. Und die Organismen, die sich daran anpassen, die gehen ja nicht alle weg. 40

00:03:30: ,470 Also die Vegetation verschwindet ja nicht nach dem Hochwasser. Und das heißt, 41

00:03:34: ,980 die Überflutung ist nicht ausschlaggebend für den Zeitraum, dass die dann die Aue definiert, für die drei Tage, 42

00:03:40: ,130 die wir ein Hochwasser hatten, sondern es ist eigentlich ein dauerhafter Begriff, der den Raum beschreibt, 43

00:03:47: ,930 der in irgendeiner Form durch diese Überflutung auch langfristig beeinflusst ist. 44

00:03:51: ,590 Und das ist eben, dass allein eine Überflutung dazu führt, 45

00:03:55: ,770 dass das Wasser in die Böden einsinkt und versickert quasi und damit auch langfristig einen anderen Boden schafft und Grundwasser führt. 46

00:04:07: ,840 An die passen sich dann wieder Organismen an und das heißt, wir sehen langfristig einen Gradienten, 47

00:04:12: ,220 der natürlich vom Fluss zu der terrestrischen Seite abnimmt. 48

00:04:17: ,760 Aber alle Organismen haben in einer gewissen Weise eine gewisse Eigenschaft, die eben wiedergibt: Hier ist es nasser, 49

00:04:23: ,550 hier haben wir vielleicht auch mehr Nährstoffe in bestimmten Bereichen. Hier haben wir häufiger auch Störungen, denn Überflutungen sind Störung. 50

00:04:29: ,250 Das ist aber nicht immer negativ zu sehen. Aber das sieht man das ganze Jahr über, sieht man immer in einer Aue, es sei denn, 51

00:04:35: ,100 wir deichen sie aus und bauen Deiche und wir haben keine Überflutung mehr. 52

00:04:38: ,530 Das heißt also, dieses Kommen und Gehen von Wasser ist etwas, was die Aue spezifisch prägt. 53

00:04:43: ,880 Das ist total wichtig, dass das Wasser kommt und geht. Also man darf sich nicht vorstellen, dass da immer Wasser ist. 54

00:04:47: ,020 Dann haben wir ein Moor. 55

00:04:49: ,660 Wir haben im norddeutschen Tiefland häufig eine Verzahnung, dass wir eben Moorflächen haben, weil wir dort eben auch hohe Wasserstände haben. 56

00:04:54: ,970 Und dann ist es aber eher als Moor zu sehen. Wobei viele Experten sagen: Ja, das darf man jetzt aber nicht so wirklich. 57

00:04:59: ,170 abgrenzen. Moor und Aue im norddeutschen Tiefland können die sehr verzahnt sein. 58

00:05:04: ,340 Aber die Aue ist halt einfach eher, dass das im Hochwasserfall überflutet ist. 59

00:05:08: ,420 Und das Spannende ist ja vielleicht auch zu überlegen: Über was für Hochwasser sprechen wir eigentlich? 60

00:05:13: ,140 Also nicht jedes Hochwasser ist gleich. Wir haben Hochwasser, die sind kleiner und treten dafür häufiger im Jahr auf. 61

00:05:19: ,060 Aber wir haben auch Hochwasser, die statistisch nur alle 100 Jahre auftreten, diese Jahrhunderthochwasser. 62

00:05:24: ,100 Und trotzdem spricht man dann auch noch von einer Aue, wenn das Wasser auch nur alle 100 Jahre so weit geht für bestimmte Auenabgrenzungen. 63

00:05:32: ,280 Aber tatsächlich sieht man den größten Effekt auf den Bereichen, 64

00:05:35: ,890 die, ja, sage ich schon eigentlich, mindestens alle fünf, zehn Jahre auch mal überflutet werden. 65

00:05:40: ,300 Dann wird es wirklich deutlich, weil wir dann angepasste Arten haben und vor allen Dingen dann auch nicht konkurrenzstarke Arten haben, 66

00:05:48: ,430 die die Arten überwuchern, die eben auf Überflutung angewiesen sind. Das ist auch noch mal wichtig. 67

00:05:53: ,520 Jetzt sind wir in Potsdam ja mitten in Brandenburg. Ein Land, das von sich selbst sagt, dass es sehr viele Flüsse und Seen hat. 68

00:05:59: ,710 Gleichzeitig sind wir eines der trockensten Bundesländer in der Bundesrepublik. 69

00:06:04: ,560 Insofern die Frage: Ist denn, Hand aufs Herz, ist Brandenburg ein Auenland oder geht es anderswo noch besser? 70

00:06:10: ,450 Man hört immer so schön Brandenburg ist gewässerreich, aber wasserarm. Und das stimmt schon. 71

00:06:15: ,970 Prinzipiell haben wir ja diese besondere Eigenschaft, dass wir eigentlich relativ viele Moore auch haben. 72

00:06:20: ,560 Nur leider entwässern wir die ja auch schon seit einer ganzen Weile. 73

00:06:25: ,360 Sorgen dafür, dass wir dort Landwirtschaft betreiben können. Das führt natürlich schon dazu, dass es den Auen nicht so gut geht, 74

00:06:30: ,270 weil das sind häufig auch Verzahnung mit Niedermoorstandorten oder eben auch feuchte Auen an sich. 75

00:06:36: ,750 Und wenn wir die drainieren, also das Wasser rauslassen, dann beeinträchtigt das sehr stark, wie es unseren Auen geht. 76

00:06:42: ,390 Deswegen: Ja, theoretisch, vor unserem Hintergrund sind wir schon ein für Auen sehr gutes Bundesland, 77

00:06:48: ,830 weil wir einfach ein Flachland sind mit wenig Gefälle und die Grundwasserspiegel hoch sein können, 78

00:06:52: ,950 unsere Flüsse nicht so weit entfernt sind von der restlichen Gewässeroberkante. 79

00:06:55: ,600 Das ist schon mal ganz wichtig und wir haben durchlässigen Untergrund, wo gut Verbindungen auch sind. 80

00:07:00: ,860 Wir haben jetzt kein Grundgestein. Das ist alles ganz gut gegeben. 81

00:07:04: ,880 Aber wie gesagt, unsere Praktiken, die wir durchführen, führen dazu, dass es den Auen nicht gut geht und wir eben nicht viele intakte Auen vorfinden. 82

00:07:11: ,900 Das ist unser Problem, dass wir einfach zu viel getan haben, dass es unseren Auen nicht gut geht. 83

00:07:15: ,610 Also könnten wir ein Auenland sein und sind es aktuell aber weniger. 84

00:07:20: ,820 Ich weiß ja nicht, wie man ein Auenland definiert. Dann denken vielleicht alle an Hobbits. 85

00:07:24: ,940 Also ich glaube, es ist in unserer heutigen landwirtschaftlichen Zeit schwierig, dass wir zu einem richtigen Auenland zurückkehren. 86

00:07:29: ,570 Vielleicht ist es wichtig, dass wir einfach sagen: Wir holen das Beste daraus raus und versuchen an einigen Stellen Auen wiederherzustellen. 87

00:07:36: ,460 Aber vielleicht von dem richtigen Auenland möchte ich mich ein bisschen distanzieren. Ich habe gerade so eine Karte vor mir liegen, 88

00:07:41: ,180 da haben andere Wissenschaftler etwas über Auenböden in Brandenburg gerade publiziert und da wird einem doch recht deutlich, 89

00:07:48: ,920 wie schlecht es auch den Auenböden geht und dass wir einfach aufgrund der landwirtschaftlichen Nutzung und auch den Bedarfen, 90

00:07:52: ,040 die wir an die Landwirtschaft haben, einiges auch nicht zurückdrehen können. Also ja, es ist einiges zu tun, um den Zustand der Auen zu verbessern. 91

00:08:02: ,260 Und da gibt es ja auch Beispiele schon in Brandenburg, dass da was passieren kann mit viel Engagement. 92

00:08:07: ,680 Da sind wir also mitten drin in Ihrem Spezialgebiet. Sie erforschen Auen. 93

00:08:10: ,080 Warum? Ja, das ist, finde ich, ein total spannendes Thema. Und ich kann gar nicht genau sagen, wann es bei mir Klick gemacht hat. 94

00:08:16: ,350 Aber ich habe im Studium quasi bei dem Auenpapst Professor Dister gehört und das fand ich total faszinierend, 95

00:08:22: ,700 dass wir eben diese vielen verschiedenen Lebensräume auf engstem Raum haben. 96

00:08:26: ,920 Also Auen sind nicht immer nur feucht, es gibt auch Standorte, die sind ganz besonders heiß und trocken. 97

00:08:31: ,510 Das kann auch typisch sein. 98

00:08:33: ,480 Bei uns in Gülpe sind das oder an der Havel, sind das eher Sandtrockenrasen, die wir auch finden, weil wir von den Eiszeiten Sandflächen haben. 99

00:08:39: ,120 Wenn wir mehr in den alpinen Raum gehen, gibt es Kiesflächen, die durch eben Hochwasser entstehen, dass da Kiese aufgeworfen werden. 100

00:08:45: ,110 Und ich finde diese Vielfalt so beeindruckend und aber auch einfach. 101

00:08:49: ,580 Ja, die Bedeutung auch im Stoffkreislauf, die hat mich auch in meiner Dissertation sehr interessiert. 102

00:08:53: ,100 Also, wie können unsere Flüsse dazu beitragen, dass es, dass die Nährstoffkonzentration in den Flüssen geringer werden? 103

00:09:02: ,080 Das finde ich einfach auch super spannend. 104

00:09:04: ,860 Also diese vielen Anknüpfungspunkte und manchmal auch diese Einmaligkeit von Auen, diese Wildheit, die wir dort haben, wenn da so alte Weiden stehen. 105

00:09:13: ,770 Das ist einfach total toll zu sehen, dass es da ist. Noch so ein bisschen Dschungel hat man manchmal das Gefühl, und die Vögel zwitschern. 106

00:09:19: ,240 Das ist einfach ganz toll. 107

00:09:21: ,300 Also wie man eine Aue erleben kann, das mag ja jedem persönlich überlassen sein, aber da hat jeder vielleicht eine Vorstellung. 108

00:09:27: ,230 Aber wie erforscht man sie? Ja, das ist ganz unterschiedlich, je nachdem, worauf man da sich spezialisiert. 109

00:09:34: ,960 Also ich habe ja auch verschiedene Ansätze, die theoretisch sein können. 110

00:09:36: ,450 Ich hatte ein Forschungsprojekt, da habe ich mich um Ökosystemleistungen gekümmert und habe mir angeschaut, 111

00:09:42: ,260 wie ich mit öffentlich zugänglichen Datensätzen herausfinden kann, welche Leistungen die Natur uns zur Verfügung stellt. 112

00:09:49: ,890 Sei es Nährstoffretention, Kohlenstoffspeicher, aber auch zum Beispiel die Erholungsfunktion oder Hochwasserrückhalt. 113

00:09:55: ,130 Und da habe ich mit Hochwassergefahrenkarten gearbeitet und mir überhaupt angeschaut, welche Auen 114

00:10:00: ,510 sind relevant. Ich hatte ja vorhin gesagt, es gibt Auenflächen, die definiert werden: 115

00:10:04: ,680 Eine Aue reicht bis dahin, wo statistisch alle 100 Jahre mal ein Hochwasser hinkommt. 116

00:10:08: ,660 Und das ist meiner Meinung nach eben zu weit gefasst, 117

00:10:10: ,450 weil man das auch gar nicht mehr in den Organismen in den Lebensraumtypen widergespiegelt sieht. 118

00:10:16: ,540 Und ich habe mir auch, es gibt auch häufigere Hochwasserkarten von Hochwassern, 119

00:10:19: ,400 die häufiger auftreten, statistisch angeschaut und da kann man zum Beispiel anhand dieser Grenzen sehen, 120

00:10:24: ,120 dass das räumlich natürlich einen Unterschied macht. 121

00:10:26: ,470 Also unsere Flächen sind eigentlich viel kleiner als das, was zum Beispiel manche Studien ausgeben, was wir an Aue noch haben. 122

00:10:32: ,980 Und allein das festzustellen, das hat auch noch keiner gemacht. 123

00:10:35: ,690 Und dann habe ich mir auch verschiedene Leistungen über Datensätze angeguckt, auch wieder Hochwassergefahrenkarten. 124

00:10:40: ,800 Wie tief ist zum Beispiel die Aue im Fall von modellierten Überflutungen? 125

00:10:43: ,930 Und dann kann man mal so ein statisches Volumen auch nur ansatzweise ausrechnen und weiß, wie viel halten diese Auen dann zurück? 126

00:10:49: ,230 Oder? Ich habe in meiner Dissertation ein Ansatz entwickelt, wo man die Nährstoffretention berechnen kann, zum Beispiel Stickstoff oder Phosphor. 127

00:10:56: ,330 Und es gibt verschiedene Ansätze, die habe ich versucht deutschlandweit zu übertragen, und zu schauen: Was halten unsere Auen zurück? 128

00:11:01: ,500 Und da wird aber auch ganz deutlich: Zwischen dem, was man theoretisch annimmt, und dem, 129

00:11:05: ,270 was praktisch geschieht, ist ein großer Unterschied, weil einfach unsere Überflutungen ausbleiben. 130

00:11:10: ,690 Das heißt, man kann nicht immer nur einfach so modellieren, sondern muss auch auf Pegeldaten gucken und auf Nährstoffkonzentration. 131

00:11:16: ,220 Wenn ein Fluss wenig Nährstoffe hat, kann er auch gar nicht zurückhalten, weil einfach gar nicht so viel mitschwimmt. 132

00:11:21: ,950 Und wenn er viele Nährstoffe hat, die auch nicht angebunden sind und nicht überflutet werden, dann passiert in den Auen auch nichts. 133

00:11:26: ,990 Das muss man auch berücksichtigen. 134

00:11:28: ,370 Oder was wir jetzt in einer aktuellen Dissertation auch machen, ist, dass wir die Bevölkerung befragt haben: 135

00:11:36: ,710 Was finden Sie denn wichtig an der Aue und welche Erholungsleistungen finden Sie wichtig? 136

00:11:41: ,200 Und das kann manchmal auch nur sein: Ich gehe gerne mit dem Hund spazieren. 137

00:11:44: ,550 Ist natürlich ganz schwierig zu quantifizieren, aber allein das einfach mal anzuschauen, wie vielfältig Auen sind, oder ob Sie ein Ort der Kraft sind. 138

00:11:51: ,990 Also, gehe ich dorthin und genieße diese Stille und ebne mich einfach mal wieder 139

00:11:55: ,710 und kann dann zurück in mein Tagesgeschäft gehen und mit fünf Kindern hantieren, 140

00:11:59: ,060 und mit einem Hund und ein Vollzeitjob oder so was. Auch das ist ganz wichtig anzugucken. 141

00:12:04: ,870 Und was wir auch ganz praktisch machen, ist zum Beispiel: Wir haben auch die Denitrifikation gemessen. 142

00:12:07: ,420 Das ist auch ein Prozess des Nährstoffrückhalts wie aus dem Nitrat, das im Flusswasser ist, 143

00:12:13: ,260 Luftstickstoff entsteht über bestimmte Bakterien im Boden und das kann man messen. 144

00:12:17: ,420 Und das haben wir uns eben auch angeguckt und festgestellt, dass es nur einen kleinen Bereich in solchen Auen gibt, 145

00:12:22: ,650 die wirklich aktiv sind und zu dieser Denitrifikation beitragen. 146

00:12:26: ,070 Ein großer Bereich ist gar nicht geeignet aufgrund der Bodenstruktur der Überflutungsdauer, der Höhe oder der Vegetation, die darauf wächst. 147

00:12:33: ,820 Jetzt schauen Sie sich aber aktuell tatsächlich auch wieder ein Auengebiet an, ganz in der Nähe in Brandenburg entlang der Havel. 148

00:12:39: ,350 Warum machen Sie das und wie machen Sie das? 149

00:12:41: ,640 Genau da gucken wir uns eigentlich die grundlegendste aller Ökosystemleistungen, die Biodiversität, an. Also die Diversität ist einfach total wichtig, 150

00:12:48: ,300 weil sie die Resilienz unserer Systeme gegenüber des Klimawandels erhöht und 151

00:12:52: ,080 wir die auch diese ganzen Nahrungsnetze brauchen und noch gar nicht wissen, welche Arten wichtig sind. 152

00:12:56: ,170 Und wir gucken uns jetzt an an der Havel, an sechs Standorten, an denen der NABU eine Renaturierung durchgeführt hat, 153

00:13:02: ,090 der NABU macht ein ganz großes Projekt Europas, größtes Renaturierungsprojekt, und vom 154

00:13:07: ,640 Bundesamt für Naturschutz gab es einen ein Forschungsauftrag für die Uni Duisburg Essen, 155

00:13:12: ,530 die eine Methode entwickelt hat, den ökologischen Zustand von Auen zu erfassen. 156

00:13:17: ,660 Also es geht nicht nur darum: Können die Stickstoff zurückhalten oder Hochwasser, sondern wie geht es denn den Arten? 157

00:13:22: ,790 Und vor allen Dingen geht es den Arten dort besser 158

00:13:24: ,920 nach einer Renaturierung? Da wurden wir gefragt, ob wir einen sogenannten Praxistest durchführen können: 159

00:13:29: ,550 Kann diese Methode, die entwickelt wurde, hier angewendet werden? 160

00:13:33: ,610 Funktioniert das so? Und da hatte ich ganz tolle Masterstudierende, die wochenlang im Feld waren, 161

00:13:39: ,370 ganz früh morgens und ganz spät abends und Vögel und Amphibien kartiert haben und eben geschaut haben: 162

00:13:45: ,610 Finden wir die wichtigen oder finden wir Indikatorarten, die zeigen: 163

00:13:48: ,410 Sind die Auen in einem guten Zustand oder sind die typisch für Auen, die überflutet werden? 164

00:13:53: ,210 Und ja, das fanden wir ganz spannend zu sehen, was da rauskommt, 165

00:13:58: ,060 dass wir für Amphibien diesen Ansatz wirklich schwer anwenden können, weil die Bedingungen bei der Havel ganz anders sind, 166

00:14:04: ,990 weil wir so weite, weite Wasserflächen haben, und allein schon daran scheitern, ausreichend Fallen einzubringen, um überhaupt Amphibien zu finden. 167

00:14:10: ,900 Bei den Vögel hat die Methode toll geklappt und wir hatten ungefähr 90 Arten im Zeitraum von Ende 168

00:14:16: ,730 April bis Mitte Juni gefunden und wir hatten seltene Arten wie das Frauenkehlchen, verschiedene Adler, 169

00:14:24: ,330 also Fischadler, Seeadler kommen da vor Bekassin, also ganz Rotschenkel. 170

00:14:28: ,750 Also viele, auch Watvögel. Zugvögel kommen natürlich. 171

00:14:31: ,570 Und ja, es ist einfach, dann genießt man die Aue noch mehr, wenn man einfach auch weiß, was da alles an vielfältigen Organismen leben. 172

00:14:40: ,720 Jetzt die eine der vielleicht schwierigsten Fragen für die Forschung: Können Sie denn, wenn diese Beobachtung weitgehend abgeschlossen ist, 173

00:14:46: ,530 sagen: Wie geht es denn den Auen entlang der HAvel? 174

00:14:50: ,860 Ja, das ist richtig spannend, weil die Havel ist so ein Sonderfall. 175

00:14:53: ,630 Die ist einerseits stark verändert, andererseits ist es noch ein Fluss, der im Vergleich 176

00:14:59: ,860 mit anderen Flüssen in Deutschland wirklich ein ganz besonderes Merkmal hat. 177

00:15:03: ,450 Er wird nämlich regelmäßig überflutet. Ich hatte ja schon gesagt, dass wir bei vielen Flüssen das Problem haben: 178

00:15:08: ,160 Es finden gar keine Überflutungen statt. Und an der Havel, Das ist ein stauregulierter Fluss. 179

00:15:13: ,870 Er hat ganz viele Wehre. 180

00:15:14: ,980 Aber im Winter wird dafür gesorgt, dass ein bestimmter Teil der Flächen durch einen sogenannten Winterwasserstand, der ist höher, 181

00:15:21: ,900 ein Großteil der Flächen überflutet ist, 182

00:15:23: ,200 und wir haben einfach ein Hochwasser auf der Fläche und das hatten wir auch schon vor der Renaturierung in gewissem Umfang. 183

00:15:30: ,400 Und von daher ist es ganz schwierig zu sagen, ob es jetzt besser wird dadurch, 184

00:15:34: ,010 dass man beispielsweise Altarme anschließt oder Flutmulden anschließt oder Uferverwallungen weg baut. 185

00:15:40: ,170 Das heißt dann vorher/nachher wird wirklich schwierig sein. 186

00:15:42: ,530 Wir sind sehr froh, dass das nicht unsere Aufgabe war in dem Projekt, dass wir uns einfach erfreuen können, dass diese Vögel da sind. 187

00:15:48: ,660 Und was wir aber prinzipiell sagen können, ist, dass, wenn wir die Konnektivität erhöhen, eben auch bestimmte Ökosystemleistungen steigern. 188

00:15:56: ,700 Und das ist zum Beispiel allein, was im Klimawandel wirklich wichtig ist. 189

00:16:01: ,200 Wenn wir hohe Wasserstände im Winter haben, können sich die Grundwasserspeicher füllen. 190

00:16:06: ,960 Und wenn wir dann im Sommer Trockenzeiten haben, kann quasi dieser ganze Auenschwamm. 191

00:16:11: ,150 Also das wird noch nicht so ein Schwamm gesättigt ist und der kann danach nach und nach Wasser zurück in den Fluss geben und dafür sorgen, 192

00:16:20: ,860 dass unsere Biotope und unsere Lebensräume nicht so schnell austrocknen. 193

00:16:24: ,860 Und dann eben auch ein Rückzugsraum zum Beispiel für Amphibien seien, 194

00:16:27: ,460 die heute ja auch sehr stark gefährdet sind, weil eben viel zu vieles zu trocken ist. 195

00:16:31: ,040 Aber das, wie gesagt, so richtig zu quantifizieren, wie erfolgreich diese Maßnahme war, 196

00:16:37: ,370 müssen wir zum Glück nicht tun, weil wie gesagt, die Havel ein Sonderfall ist. 197

00:16:40: ,080 Das ist nicht eine Landschaft gewesen, in der nie Wasser war und man jetzt einfach mal einen Teich anlegt. 198

00:16:45: ,410 Und alle Frösche, die hier sind, kommen jetzt endlich zu diesem Teich. 199

00:16:48: ,040 Es war ja schon recht feucht, ist einfach noch viel, viel feuchter jetzt geworden. 200

00:16:52: ,180 Und was da vielleicht spannend sein kann, ist, dass das vielleicht den Prädatorendruck auf bestimmte Organismen reduzieren kann, 201

00:16:59: ,700 weil wir haben zum Beispiel auch mit dem Waschbär eingeschleppte Arten, die einfach sehr gerne die Vogeleier fressen, die am Boden liegen. 202

00:17:04: ,890 Und wir haben viele Wiesenbrüter in den Auen. 203

00:17:06: ,900 Und wenn da jetzt Wasser ist, dann haben wir vielleicht keine Inseln, wo die nicht so schnell hinkommen oder Vögel können 204

00:17:11: ,400 Im Wasser rasten, jetzt gerade Zugvögel, und werden nicht so leicht attackiert. Aber das ist jetzt eine Hypothese von mir. 205

00:17:16: ,990 Aber das wäre total spannend zu untersuchen und das könnte ich mir auch als ein Benefit vorstellen. 206

00:17:20: ,330 Würden Sie denn sagen, dass Projekte wie das Ihrige, von dem Sie jetzt gesprochen haben, tatsächlich in der Lage sind, 207

00:17:26: ,010 wieder zurück zu fließen in zum Beispiel mehr Renaturierung von bestimmten Auen- 208

00:17:31: ,110 Schutz, der vielleicht auf der Grundlage von Projekten wie dem dann anschließen kann? 209

00:17:36: ,760 Also wir machen jetzt ja quasi nur so eine, so eine Forschung und betrachten, wie man diese Methode übertragen kann. 210

00:17:43: ,410 Aber ich glaube, wenn wir einfach diese Artenvielfalt an sich schon zeigen können und zeigen können, 211

00:17:48: ,330 wie besonders diese Auen sind, dann ist das vielleicht auch für den Tourismus ein schöner Punkt. 212

00:17:53: ,730 Und es geht ja auch darum was nützen die Auen uns? 213

00:17:55: ,350 Weil viele Menschen eben nicht nur intrinsisch die Natur schützen, also die Natur für ihrer selbst willen, sondern eben sagen: Was nützt mir das denn? 214

00:18:03: ,000 Und vielleicht kann man so auch Argumente sammeln, warum der Auenschutz wichtig ist, weil wir Menschen uns wohlfühlen, 215

00:18:08: ,290 wenn wir eine intakte Natur sehen, da vielleicht lang paddeln können und die Vögel zwitschern. 216

00:18:12: ,960 Und vielleicht kann man mit diesem Argument auch arbeiten. Auf der wissenschaftlichen Basis ist eher, dass wir diese tollen Arten sehen, 217

00:18:17: ,540 dass es Frauenkirche da ist, vielleicht auch irgendwo mal ein Kampf Läufer wieder kommt. Und dann freuen sich die Biologen und Biologen. 218

00:18:23: ,360 Aber die andere Seite ist, diese Wildnis wieder zurückzugewinnen. Und das kann für Touristen und Touristen auch ganz wichtig sein. 219

00:18:29: ,570 Oder Naherholungsuchende. Vielen Dank für den spannenden Einblick. 220

00:18:32: ,470 Ich versuche mal eine kleine Zusammenschau dessen, was wir heute mitnehmen können aus diesem Podcast. Wissen zum Mitnehmen. 221

00:18:39: ,480 Erstens: Auen sind wichtige Landschaftsräume, die nicht nur für mehr Biodiversität sorgen, 222

00:18:44: ,370 sondern auch ganz konkrete Ökosystemleistungen erbringen, von denen wir alle profitieren. 223

00:18:49: ,010 Sei es nur, dass wir da spazieren gehen können mit Hund oder aber, dass die Aue auch ein Hochwasser auffangen kann, 224

00:18:55: ,240 dass sonst möglicherweise landwirtschaftliche Gebiete überflutet oder sogar Gebiete, wo Menschen wohnen. 225

00:18:59: ,870 Dann habe ich verstanden, dass Flussläufe und ihre Auen zu renaturieren, lange dauert und dass man deswegen einen langen Atem dafür braucht. 226

00:19:05: ,370 Und dass das drittens natürlich auch für die Forschung gilt, die das begleitet. 227

00:19:10: ,040 Ja, auf jeden Fall. Was wir noch gar nicht so viel gesagt haben, ist auch das Monitoring, dass es ganz wichtig ist, 228

00:19:16: ,630 für die Forschung nicht nur ein Monitoring direkt nach einer Renaturierung zu bezahlen, 229

00:19:20: ,530 sondern dann hat man quasi nur, was ist direkt nach der Baumaßnahme, sondern wenn wir die Entwicklung und den Prozess angucken wollen, 230

00:19:27: ,670 dann müssen wir auch nach zehn Jahren noch mal hingucken, nach 15 Jahren und können dann überlegen, 231

00:19:31: ,910 was ist hier passiert und können dieses Wissen auch noch mal einspeisen, vielleicht Maßnahmen entwickeln und das Ganze gesamtheitlich angucken. 232

00:19:37: ,150 Weil es geht nicht nur darum, ich kreiere hier ein Habitat, sondern ich muss auch ganzheitlich mir den Fluss angucken und dafür sorgen, 233

00:19:44: ,380 dass das Wasser fließen kann und auch Sedimente mitbringen kann, damit unsere System intakt ist. 234

00:19:48: ,860 Wunderbar. Ich denke also, wir sprechen uns in 10 bis 15 Jahren wieder. Klingt gut. Bis dahin. 235

00:19:51: ,880 Vielen Dank. Ja, ich danke auch. Wissen geht ab. 236

00:19:55: ,343 Neues aus Forschung, Studium und Gesellschaft an der Universität. Potsdam.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.