Wissen geht UP! #02 - König Fußball in Berlin - von den Anfängen bis heute
Shownotes
Es gibt wenig, was in Deutschland so sehr bewegt wie Fußball: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat acht Millionen Mitglieder in 140.000 Vereinen. Der Sporthistoriker Dr. Berno Bahro beschäftigt sich seit Langem mit der Geschichte des Berliner Fußballs, zuletzt seiner Entwicklung in der Zeit des Nationalsozialismus. Matthias Zimmermann sprach mit ihm über die Anfänge in der Kaiserzeit, die Gleichschaltung während der NS-Herrschaft und die Zeit nach 1945.
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00:00:02: Wissen geht ab.
00:00:03: Neues aus Forschung, Studium und Gesellschaft an der Universität Potsdam Herzlich willkommen bei dem Podcast der Universität Potsdam zu Studium,
00:00:11: Forschung und Gesellschaft Heute bei mir zu Gast ist Dr. Werner Bahro,
00:00:15: Historiker mit einem Faible für spannende Einblicke in unterschiedlichste Facetten deutscher Sportgeschichte.
00:00:20: Herzlich willkommen! Hallo! Es gibt zwei Dinge in Deutschland, die ziemlich sicher die Gemüter erhitzen - die Rechtschreibreform und Fußball.
00:00:28: Herr Bahro, wie stehen Sie zur Rechtschreibreform? Ich bin ein großer Fan. Um es kurz zu sagen. Ich
00:00:33: mag es, wenn man - zumindest hat man mir das so erklärt -,
00:00:36: das Gesprochene auch so ein bisschen an das Schriftliche anpasst, damit das nicht so weit auseinanderdriftet.
00:00:41: Also von mir Daumen hoch zur Rechtschreibung, alles klar. Das war kurz und knackig.
00:00:45: Wenn es nur darum ginge, wären wir jetzt fertig. Aber heute soll es um Fußball gehen. Was sagen Sie:
00:00:49: Warum ist Fußball in Deutschland Sport Nummer eins? Auch da erhitzen sich die Gemüter schon an der Frage, warum Fußball so populär ist.
00:00:58: Offensichtlich zieht das ja eine Menge Zuschauer in seinen Bann. Viele spielen Fußball.
00:01:02: Der DFB ist der Verband mit den höchsten Mitgliederzahlen. Ich versuch mal eine Erklärung.
00:01:07: Fußball ist relativ simpel. Also das Regelwerk kann man nach kurzer Zeit sehr gut verstehen.
00:01:12: Man kann dem Spielverlauf gut folgen und offensichtlich erzeugt es eine ganze Reihe von Spannungsmomenten,
00:01:19: die am einzelnen Spieler hängen, aber genauso eben auch an der Mannschaft, an der Taktik.
00:01:25: Also offensichtlich gibt das vielen Leuten sehr viel. Jetzt driften wir ab in ihr Fachgebiet.
00:01:30: Seit wann ist das denn so, dass Fußball so populär ist in Deutschland?
00:01:34: Also der Siegeszug des Fußballs, wenn man sich das jetzt so rein nach Mitgliederzahlen anschaut,
00:01:39: beginnt in der Weimarer Zeit und da sieht man wirklich eine Mitgliederexplosion.
00:01:45: Das betrifft Turnen und Sport im Allgemeinen. Aber der Fußball hat da die größten Steigerungsraten.
00:01:50: Ende der Weimarer Zeit überschreitet die Anzahl der Mitglieder im DFB die 1 Million-Marke.
00:01:56: Und das war schon so ein Meilenstein. Ich bin ja mit Binsenweisheiten eingestiegen.
00:02:02: Eine zweite noch: Es gibt in Deutschland ganz sicher 82 Millionen Bundestrainer.
00:02:07: Wer bei einer WM stürmt und verteidigt, das weiß fast jede und jeder. Wie halten Sie es damit?
00:02:11: Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mich historisch für den Fußball sehr interessiere. Das aktuelle Geschehen, das nehme ich so am Rande wahr.
00:02:17: Das wird für mich dann interessant, wenn es wieder historisch ist, also eine Weile zurückliegt.
00:02:21: Ich gebe ehrlich zu, ich habe schon lange kein Fußballspiel mehr angeguckt, weil mir einfach die 90 Minuten viel zu lang sind.
00:02:28: Da mache ich dann lieber selber Sport. Okay, jetzt ist das eine Nationalmannschaften, die auf dem Feld gegeneinander antreten.
00:02:36: Ein anderes Kaliber ist der Vereinsfußball, vor allem unterhalb der inzwischen drei Profiligen.
00:02:41: Sie haben es ja gesagt: Die Mitgliederzahlen im DFB sind hoch. Das sind sie vor allem auf Amateurebene.
00:02:46: Was macht denn den Amateurfußball aus? Von den Sportfreunden List im Norden bis zum FC Oberstdorf 1921 e.V. im Süden.
00:02:52: Das sind, ich habe nachgeschaut, die nördlichsten und südlichsten Sportvereine in Deutschland. Also ich glaube,
00:02:57: wenn man sich das insgesamt anguckt, die Sportbewegung in Deutschland ist ja eigentlich die Organisationsstruktur mit den meisten Mitgliedern.
00:03:04: Der Organisationsgrad ist wirklich sehr hoch und da geht es ja nicht nur um aktive Mitglieder,
00:03:08: sondern die spielen tatsächlich auf dem Platz, haben eben auch viele passive.
00:03:12: Ich glaube, das Vereinsleben an sich gibt den Leuten sehr viel, dass man eben über diesen Sport hinaus sozial miteinander interagieren kann,
00:03:21: sich während des Spiels, vor dem Spiel, nach dem Spiel eben trifft, unterhält, was trinkt, sich über Dinge austauscht.
00:03:27: Ich glaube, dieser Zusammenhalt macht da wirklich ganz viel aus.
00:03:32: Jetzt ist eines Ihrer Steckenpferde der Vereinsfußball in und um Berlin.
00:03:37: Wissen Sie zufällig, wer erster Berliner Fußballmeister war? Und wann war das?
00:03:41: Ende 19. Jahrhundert? 1890/91 war Germania der erste Fußballmeister.
00:03:47: Aber das muss man alles wirklich sehr unter Vorbehalt sehen.
00:03:53: Es gab zu der Zeit wenig Vereine, es gab auch mehrere Verbände, die sich da parallel gegründet haben.
00:03:59: Aber das sind, wenn man auf die Anfänge des organisierten Berliner Fußballs schaut, dann schon so die Anfänge.
00:04:05: Das ist aber auf jeden Fall, würde ich sagen, sehr, sehr respektabel. Denn wenn man so auf die weltweite Fußball Bewegung schaut,
00:04:11: dann ist das nur 20 Jahre nach dem ersten durchgeführten FA Cup, der ja als ältester Fußball-Wettbewerb der Welt gilt.
00:04:20: ,000 Ist insofern Berlin vielleicht Vorreiter, was den bundesdeutschen oder deutschen Fußball angeht?
00:04:26: Also Vorreiter sicherlich was die Organisationsstrukturen angeht.
00:04:29: Wenn man jetzt die Ursprünge des Fußballs in Deutschland anguckt,
00:04:32: dann müsste man Konrad Koch nennen, Braunschweig, der Fußball dort etabliert hat,
00:04:36: vor allen Dingen an Schulen oder in den Schulen auch,
00:04:41: der die ersten Regelwerke verfasst hat, und versucht hat, über Lehrerfortbildung Fußball populär zu machen.
00:04:47: Ansonsten muss man gucken, Fußball, der aus England stammt, ist vor allen Dingen in Städten dann aufgeploppt,
00:04:53: wo Leute aus England hier waren und den Fußball dann eben praktiziert haben.
00:04:59: Oder dass eben über diese Kontakte entstanden ist. Und Berlin ist sicherlich eine Stadt, die da Austausch mit England oder Großbritannien hatte,
00:05:08: und deswegen ist das eben auch in diesen Großstädten zuerst aufgetreten.
00:05:13: Jetzt also in meinem Kopf gleich geploppt. BFC Germania 1880 im Drei-Kaiser-Jahr gegründet.
00:05:20: Kaum vorstellbar, dasd vor den Augen des Kaisers die Berliner über den Fußballplatz gehetzt sind.
00:05:26: Wie hat sich denn der Fußball in Berlin so seit diesen Anfängen entwickelt?
00:05:30: Also man muss vielleicht ein bisschen dazu sagen: Am Anfang ist Fußball eher so eine Mischung aus Rugby und dem, was wir heute als Fußball bezeichnen.
00:05:40: Also diese Fußball-Bezeichnung, ist im Grunde, deswegen gibt es zwei Halbzeiten auch im Regelwerk, noch gar nicht so festgelegt.
00:05:50: Zwei Halbzeiten hat man deshalb vereinbart, weil man oft, wenn sich zwei Mannschaften getroffen haben,
00:05:54: die erste Halbzeit nach dem einen Regelwerk gespielt hat und die zweite Halbzeit nach dem anderen Regelwerk.
00:05:59: Einfach, um sich da nicht so streiten zu müssen.
00:06:01: Erst mit dem sich etablierenden Verbandswesen, der DFB-Gründung, erst 1900 hat sich dann so ein einheitliches Regelwerk durchgesetzt.
00:06:11: Und Berlin ist da sicherlich so ein bisschen ein Vorreiter, weil man in Berlin versucht hat,
00:06:17: wirklich erste übergeordnete Strukturen in Form von regionalen Verbänden eben auch zu zu etablieren.
00:06:25: Aber was genau war die Frage? Ich habe das jetzt.
00:06:28: Mir geht es darum, wie sich der Fußball und auch der Vereinsfußball in Berlin entwickelt hat im Laufe der Zeit, weil die Die Frage, wo ich hin wollte,
00:06:35: war so ein bisschen, ob sich auch am Fußball nationale und regionale Geschichte so ein bisschen ablesen lassen,
00:06:43: also ob das sich darin ein bisschen spiegelt.
00:06:46: Also man kann ganz klar sagen, dass so der Boom in der Weimarer Zeit eben auch in Berlin im Fußball damit zu tun hat,
00:06:53: dass eben viele Soldaten, die im Ersten Weltkrieg aktiv waren, an der Front, hinter der Front,
00:06:59: in der Kriegsgefangenschaft mit Fußball in Kontakt gekommen sind. Und diese Erfahrung haben sie mitgebracht.
00:07:05: Und man hat eben auch die Herausforderung, nach der Kapitulation 190018/19 diese Soldaten irgendwie zu beschäftigen.
00:07:16: Und das hat man dann im Folgenden versucht durch Sport und Fußball kannten die Leute und deswegen hat man das eben
00:07:22: oder haben die Soldaten das dann eben auch weitergespielt.
00:07:25: Und als man dann umgestiegen ist, laut Versailler Vertrag auf dieses 100.000-Mann-Heer, Abschaffung der Wehrpflicht,
00:07:32: war Fußball dann eben eine Möglichkeit, seine Zeit irgendwie sinnvoll zu vertreiben.
00:07:39: Man hat diese Kameradschaft, die man an der Front erlebt hat, dann eben in dieses, in diese Mannschaft, in diese Vereine mit übertragen.
00:07:46: Und das war dann eben auch eine Möglichkeit und das hat der Fußball auch oder der Sport offensiv für sich in Stellung gebracht.
00:07:53: Eine Möglichkeit, sich ohne Wehrpflicht fit zu halten und Wehrfähigkeit zu halten, das war so ein Schlagwort.
00:07:59: Und deswegen sehen wir da einen riesigen Boom nicht nur in Berlin, sondern in Deutschland.
00:08:04: Und diese Bedarfe, die da entstanden, haben dann natürlich dazu geführt,
00:08:08: dass die Kommunen sich gekümmert haben, die Vereine, die Klubs, die dann größer wurden,
00:08:12: mitgliederstärker wurden, sich gekümmert haben, Fußball, Sportstätten, Stadien,
00:08:16: große Stadien wie das Poststadion usw. in Berlin dann eben auch in der Weimarer Zeit entstanden sind.
00:08:23: Ich habe nicht umsonst nach der Geschichte gefragt.
00:08:25: Sie haben sich zuletzt den Berliner Fußball während der Zeit des Nationalsozialismus genauer angeschaut.
00:08:31: Was hat sich denn in dieser Zeit geändert im Vergleich zu den Anfängen?
00:08:35: Also, um das vielleicht so ein bisschen einzugrenzen.
00:08:37: Ich bin Teil einer Projektgruppe, die sich mit dem Berliner Fußball im Nationalsozialismus beschäftigt.
00:08:42: Ich habe vor allen Dingen geschaut auf die Verbandsebene. Andere Kollegen beschäftigen sich mit den Vereinen, mit jüdischem Fußball in Berlin etc.
00:08:51: Für den Verband war für uns spannend zu schauen, wie dieser Scheidungsprozess funktioniert hat.
00:08:58: Hat sich der Berliner Verband jetzt angebiedert? Gab es personelle Umbrüche im Verband
00:09:04: '33 und später? Und da sind schon ganz interessante Ergebnisse
00:09:08: jetzt rauskommen, weil sich zeigt, dass der Berliner Verband in dieser Gleichschaltungsphase '33 sich sehr zurückhaltend gezeigt hat.
00:09:18: Andere Verbände wie der westdeutsche Verband, die haben sich im Grunde sehr schnell dem System angebiedert,
00:09:24: dass der gesamte Vorstand zurückgetreten und ein alter Nazi sozusagen ist da zum Verbandsführer ernannt wurden.
00:09:32: Schon Mitte Mai '33, also sehr sehr zeitig. Berlin war da oder der Berliner Verband war da sehr zurückhaltend.
00:09:41: Der hat sich im Grunde erst klar politisch positioniert,
00:09:45: als mit einem Kommissar wirklich eine zentrale Person auf den Plan kam, die den deutschen Sport neu ordnen sollte.
00:09:53: Und dann hat sich auch der Berliner Verband politisch positioniert.
00:09:58: Gesagt, dass man sich gleichschalten wolle, Führerprinzip, was damals dann Usus wurde, einführen möchte.
00:10:06: Aber wenn man sich anguckt, was sich personell verändert hat im Berliner Verband,
00:10:09: dann muss man sagen, dass gerade auf dieser Arbeitsebene sich fast gar nichts bewegt hat.
00:10:16: Die Personen vor '33 waren dieselben, die dann nach '33 den Verband organisiert haben, vor allen Dingen den Spielbetrieb am Laufen gehalten haben,
00:10:26: was ja man mit den heutigen Organisationsaufwand gar nicht vergleichen kann, weil das wurde eben alles mit Stift, Papier und Briefpost organisiert.
00:10:37: Spieler einzusetzen, Schiedsrichter zuzuweisen, die Ergebnisse einzusammeln, Strafen zu verhängen etc.
00:10:42: Das waren, soweit ich das bis jetzt beurteilen kann, in fast allen Fällen die Leute, die das vorher auch gemacht haben.
00:10:50: Große Veränderung gab es im Grunde in der Verbandsspitze.
00:10:52: Da hat man dann mit Oscar Glöckler einen Nicht-Fußballexperten berufen, der aber als langjähriger SA-Führer politisch auf Linie war.
00:11:03: Und der war dann im Grunde so die Führungsfigur im Berliner Fußball, die sich noch mit ein paar Altpartei-Funktionären umgeben hat.
00:11:12: Aber auf Arbeitsebene ist das fast durchgelaufen. Die Frage zu den Anfängen des Projekts wie: Wie kam es dazu, dass Sie sich dieses Themas angenommen?
00:11:21: Also das ist eine Projektgruppe.
00:11:23: Die Initiative ging in der Tat vom Berliner Fußballverband aus, der als einer der wenigen Regionalverbände, würde ich sagen,
00:11:31: sich aktiv mit seiner Geschichte auseinandersetzt und eben als erster Regionalverband wirklich dezidiert auf die NS-Geschichte schaut.
00:11:40: Da gab es im Grunde einen Impuls 2006 nach oder vor der Heim-WM, dass eben der DFB selbst seine NS-Aufarbeitung angestoßen hat.
00:11:49: Es gab dann im Fahrwasser zahlreiche Bundesligaklubs oder große Klubs, die ihre eigenen Geschichte aufgearbeitet haben.
00:11:57: Und das ist im Grunde, was jetzt passiert, so ein bisschen der nächste Schritt,
00:12:01: dass Regionalverbände sich eben diese Strukturen auch in der NS-Zeit davor und danach angucken.
00:12:08: Jetzt war ihr Thema eher der Bereich der Verbandsarbeit, aber Sie haben sicherlich einen Einblick in die anderen Projekte.
00:12:13: Hat sich denn auf der auf der Ebene des Fußballspiels etwas verändert?
00:12:18: Wurden bestimmte missliebige Gruppen ausgeschlossen?
00:12:21: Haben die sich selbst zurückgezogen oder war das ein Ort, der dann doch noch anders lief als anderswo?
00:12:26: Kann man da was zu sagen? Das sehr interessant.
00:12:28: Wenn man sich so die Fußballpresse anguckt der Zeit, dann hat man so bis Mitte des Jahres 1933 im Grunde gar nicht das Gefühl,
00:12:36: dass politisch sich da so viel in Deutschland bewegt hat.
00:12:39: Da wird fast nur sportlich berichterstattet und diese Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, Ermächtigungsgesetz,
00:12:47: Diese Wahlerfolge der NSDAP, die spielen in der Fußballberichterstattung so gut wie keine Rolle.
00:12:51: Und das verändert sich auch später eher wenig.
00:12:54: Es wird zwar dann zu irgendwelchen Heldengedenktagen natürlich immer wieder auch der Fußball dann in Dienst genommen.
00:13:04: Es gibt dann im Laufe der Zeit so Dinge wie, dass die Spieler beim Antreten und Abtreten dann den Hitlergruß zeigen,
00:13:13: also damit eben hochpolitisch sich positionieren. Aber im Grunde ändert sich am Fußballspiel an sich nichts.
00:13:22: Interessant ist, wenn man sich anguckt, was die Nationalsozialisten so für Ideen mit der Instrumentalisierung des Fußballs verbinden,
00:13:29: dann hat der von mir bereits erwähnte Führer Glöckler so die Idee, dass man die Fußballspieler erziehen könne,
00:13:39: also nationalsozialistisch erziehen könne in dem Sinne, dass eben
00:13:44: einen Wettkampf gibt ohne Fouls, man ritterlich
00:13:48: jede Niederlage akzeptiert,
00:13:51: der bessere dann im Grunde auch vom Spielfeld geht und auch der Zuschauer dazu erzogen werden soll im Sinne der Volksgemeinschaft,
00:13:59: dass man eben den guten Aktionen Beifall zollt und man nicht,
00:14:03: wie das sich in der Weimarer Zeit eben auch etabliert hatte, Fan für nur eine Mannschaft ist,
00:14:07: sondern man soll eben den guten Fußball genießen und sehr fair sein als Zuschauer.
00:14:12: Diese Appelle werden immer wieder wiederholt. Es wird auch drakonische Strafen gibt es, die verhängt werden, gegen Spieler oder Zuschauer.
00:14:20: Das zeigt aber, dass eben dieses Ansinnen überhaupt gar nicht funktioniert, da so eine NS-Volksgemeinschaft auf dem Fußballplatz zu etablieren,
00:14:28: weil man diesen Wettkampf, diese auch lokalen Rivalitäten im Sport nicht ausschalten kann.
00:14:34: Ist denn so aus der Ebene der Vereine ein bisschen was bekannt, ob Fußball sich da erwiesen hat
00:14:40: vielleicht sogar als der kleine geheime Ort des Widerstands, wo es noch Kameradschaft gibt, auch zu Andersdenkenden oder eben gerade nicht?
00:14:49: Ist da was überliefert oder ist das noch noch nicht erschlossen? Die Frage ist schwer zu beantworten.
00:14:53: Was wir eben sehen können, ist,
00:14:55: dass im Zuge dieser Gleichschaltung 1933/34 so oppositionelle Sportbewegung ausgeschaltet und eben auch Vereine zerschlagen werden,
00:15:04: wie beispielsweise aus dem kommunistischen oder sozialistischen Arbeitersport.
00:15:07: Die Vereine verschwinden komplett. Es wird dann versucht, auch diese Arbeit der Sportler wieder zu integrieren im Fußball, was aber schwierig ist.
00:15:18: Auch die konfessionellen Sportvereine DJK (Deutsche Jugendkraft),
00:15:23: die Katholiken, das wird alles zerschlagen und in das gleichgeschaltete Vereinswesen integriert.
00:15:30: Aber so der Fußballverein als Hort des Widerstands, das kann man so in der aktuellen Datenlage eigentlich nicht sagen.
00:15:39: Es Mag Vereine gegeben haben, die keinen Arierparagraphen eingeführt haben, also ihre jüdischen Mitglieder anfangs nicht ausgeschlossen haben.
00:15:48: Es Mag Vereine gegeben haben, die zwar ein feines Füreinander haben,
00:15:52: aber trotzdem noch gemeinschaftlich in so einer Art Vorstand die Arbeit weiter aufgeteilt haben.
00:15:59: Das mag schon sein, aber so einen richtigen Fußballverein als Widerstandskraft oder so, das lässt sich zumindest aktuell nicht identifizieren.
00:16:08: Dann stellt sich für mich noch die Frage, wie diese NS-Zeit im Fußball sich auch nach '45 ausgewirkt hat.
00:16:17: Gab es da eine frühzeitige Auseinandersetzung damit oder gab es da auch ein weiter so? Wie ging es nach '45 weiter?
00:16:24: Im Grunde kann man das weiter so unterstreichen, weil wir auch eine große personelle Kontinuität haben.
00:16:30: In der Regel dauert es nicht lange, spätestens nach der Durchführung der Entnazifizierungsverfahren,
00:16:35: dass die alten Funktionäre wieder in ihre Position kommen. Und die Chroniken, die man sich anschaut zum Fußball, zum Berliner Fußballverband, zum DFB,
00:16:46: so in den 50er, 60er Jahren, die breiten über die NS-Zeit den Mantel des Schweigens.
00:16:50: Da wird im Grunde einseitig fokussiert auf Fußballergebnisse.
00:16:55: Da wird das dann auch so dargestellt,
00:16:57: als wäre der Fußball zwangsgleichgeschaltet worden und man hätte sich im Grunde politisch ein- und untergeordnet.
00:17:05: Aber das entspricht natürlich nicht den Realitäten.
00:17:08: Die richtige Aufarbeitung der Vergangenheit ist erst sehr viel später passiert, meist eben auch erst zu einem Zeitpunkt,
00:17:16: als diese Funktionäre dann eben selber nicht mehr im Amt waren oder eben verstorben waren.
00:17:20: Jetzt kann man sagen, dass die Berliner Zeit nach '45 ja auch eine Sonderzeit ist durch die Teilung der Stadt.
00:17:27: Ist das denn eine Phase des Fußballs, die auch noch spannend ist und einer Betrachtung harrt?
00:17:33: Kommt das bald? Es gibt ja schon einige Untersuchungen dazu, gerade so der Berliner Nachkriegsfußball durch die unterschiedlichen Besatzungszonen.
00:17:41: Super spannend, weil die Besatzer natürlich unterschiedlich damit umgegangen sind:
00:17:47: Französische, sowjetische Zone eher restriktiv, amerikanische, britische eher freizügig. Es ist vor allen Dingen die Nachkriegszeit
00:17:55: interessant, wenn man sich anschauen kann oder wenn man sich auf biografischer Ebene anschaut,
00:18:00: dass dann eben Fußballer in der Ostzone leben, in der Westzone arbeiten und Fußball spielen.
00:18:08: Also gerade so bis zum Mauerbau ist das ein total interessante Phase,
00:18:11: weil es auch am Anfang trotz dieser politischen Teilung gemeinsame Berliner Fußballmeisterschaften gibt.
00:18:18: Also das ist durchaus sehr, sehr spannend. Da kann man noch eine Menge herausfinden.
00:18:22: Vielen Dank. Wissen geht ab. Neues aus Forschung, Studium und Gesellschaft an der Universität Potsdam.
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